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Die Bibel als antike Literatur verstehen

Hast du schon einmal mitten im Gespräch gemerkt, dass du und dein Gesprächspartner auf völlig unterschiedlichen Seiten steht? Wenn wir versuchen, über kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren hinweg zu kommunizieren, entstehen Missverständnisse. Wir verarbeiten unsere Gespräche und andere Informationen mit unseren eigenen Perspektiven und Vorannahmen. Gehen wir mit der Bibel auch so um?

Die antiken hebräischen, aramäischen und griechischen Autoren, von denen die meisten Israeliten waren, schrieben die Bibel mit einzigartigen kulturellen Perspektiven und Vorannahmen. Wie kommen wir auf ihre Seite, um die Bibel mit mehr Verständnis zu lesen?

Bibellesen als kulturübergreifende Erfahrung

Wir können mit modernen Übersetzungen der Bibel so vertraut werden, dass wir ganz vergessen, dass es sich eigentlich um antike, jüdische Literatur handelt. Viele Bibelübersetzer haben sich bereits die Zeit genommen, zu überlegen, was die biblischen Autoren in ihrer alten Sprache und Kultur gemeint haben, damit sie einen gleichwertigen Weg finden konnten, die Botschaft an uns weiterzugeben. Das ist eine große Aufgabe!

Aber selbst wenn ein Text vollständig übersetzt ist, bleibt die Arbeit des Lesens und Auslegens eine Herausforderung. Moderne Übersetzungen vermitteln immer noch die alten kulturellen Annahmen von Kosmologie (die Geschichte vom Anfang der Welt), Gemeinschaft und Bräuchen. Wie können heutige Leser wie du und ich das alles verstehen?

Die biblischen Autoren waren Bewohner eines fremden Lands in der Antike. Sie beherrschten eine andere Sprache. Unsere modernen Übersetzungen kommen von zweisprachigen Übersetzern. Und wir sind Lernende, die beim Lesen eine kulturübergreifende Erfahrung machen. Wir haben zwar einen Wegweiser (die Übersetzung), der unsere Muttersprache spricht, aber da gibt es immer noch Dinge, auf die wir besonders achten müssen.

Wenn ein Übersetzer in der heutigen Zeit vom „Herz“ schreibt, wollen wir wissen, ob es um Gefühle geht, einen Muskel oder ob es eine Redewendung für eine Person ist. Wir wollen das Wort in seinem Kontext erfassen – unter Berücksichtigung antiker, kultureller Anhaltspunkte –, um die vom biblischen Autor beabsichtigte Bedeutung zu verstehen und entsprechend darauf reagieren zu können.

Welche antiken Ideen haben also den literarischen Kontext und die kulturelle Sichtweise der biblischen Autoren geprägt?

Die kulturelle Linse biblischer Autoren verstehen

Wir müssen keine östliche oder jüdische Kultur annehmen (oder ablehnen), um auf die Botschaft eines biblischen Autors zu reagieren. Aber wenn wir den kulturellen Hintergrund kennen, kann uns das helfen, die Botschaft des Autors zu verstehen. Werfen wir einen kurzen Blick darauf.

1. Die biblischen Autoren sahen die spirituelle Realität als die Grundlage für alles Materielle (z.B. Genesis 1,2; 2,4-9; Psalm 104; Hebräer 11,3).

2. Die biblischen Autoren teilten ein kollektivistisches Paradigma, das den Einzelnen als einen so komplexen Teil des Ganzen betrachtet, dass eine Person die Macht hat, Generationen von Menschen zu beeinflussen – zum Guten (z.B. Daniel 9,3-19; Jesaja 53,3-6) oder zum Schlechten (Josua 7,6-21; 2. Samuel 24,10-17).

3. Die biblischen Autoren lebten auch in einer Kultur der Ehre und Schande, die Männer, Reiche, bestimmte Volksgruppen und Religionen hochleben ließ, während der Rest oft ausgebeutet wurde (z.B. Exodus 1,8-14; 3,15; Jakobus 2,5-7; Johannes 4,9).

4. Die biblischen Autoren hatten ein gemeinsames Paradigma für das Verständnis ritueller Reinheit. Wörter wie heilig, unheilig, rein, unrein, befleckt, unbefleckt, geheiligt, entehrt, profan und gewöhnlich beschreiben, was sie für angemessen und unangemessen hielten (z.B. Numeri 19,2; Hesekiel 22,25-26; Epheser 5, 27; 1. Petrus 1,19).

Wir haben vielleicht einige Gemeinsamkeiten mit diesen kulturellen Weltanschauungen. Einer könnte sagen: „Das verstehe ich! Meine Gemeinde sagt auch, dass die spirituelle Realität die Grundlage für alles Materielle ist.“

Ein anderer könnte sagen: „Wenn nur einer aus meiner Mannschaft zu spät kommt, lässt unser Trainer uns alle Runden laufen. Also verstehe ich die kollektivistische Mentalität irgendwie.“

Oder vielleicht: „Die Kultur der Ehre und Schande leuchtet mir ein. Ich bin in einer patriarchalischen Familienstruktur aufgewachsen, in der mein Ansehen davon abhing, wie reich das Geschäft meines Vaters war und wie schnell meine Schwester und ich geheiratet haben.“

Auch wenn wir uns in Aspekte der Kultur biblischer Autoren einfühlen können, leben wir in der heutigen Zeit, während sie vor Tausenden von Jahren lebten. Der antike Kontext ihrer Annahmen unterscheidet sich von unserem modernen Verständnis. Und wenn wir das anerkennen, können wir die biblischen Autoren besser verstehen.

Gehen wir unsere kulturellen blinden Flecken an

Wenn du durch einen überstürzten Spurwechsel in einen Autounfall verwickelt wirst, erinnerst du dich vielleicht daran, wie dir in der Fahrschule der Schulterblick eingetrichtert wurde: „Überprüfe durch den Schulterblick immer den toten Winkel, bevor du die Spur wechselst!“ Weise Worte.

Lesen wir in der Bibel einen Ausdruck wie „Himmelreich“, nehmen wir aufgrund unserer Sichtweise und Voraussetzungen an, dass damit ein Ort gemeint ist, an den die Menschen nach ihrem Tod sein werden. Wenn wir aber unsere kulturellen blinden Flecken überprüfen und auf die Art und Weise achten, wie die biblischen Autoren das „Himmelreich“ verwenden, erkennen wir schnell, dass es sich um einen Ort handelt, der mehr ist, als wir angenommen haben.

Dieses Reich steht auch für eine Lebensweise – ein Leben in der Liebe zu Gott und den Menschen. Und wir können jederzeit und überall in diesem Reich leben, wenn wir Jesus als König ehren, indem wir in seiner Art der Liebe zu Gott und den Menschen leben. Diese Realität verändert alles, und wir könnten sie wegen unserer kulturellen Blindheit leicht übersehen.

Um die Botschaft der Bibel (und nicht unsere eigene) zu verstehen, müssen wir ihre Briefe, Gedichte und Geschichten in ihrem literarischen und antiken, kulturellen Kontext lesen. Wenn wir uns die Kultur des Autors vor Augen halten, können wir viel mehr wertschätzen, wie er uns aufzeigt, wie Gottes Gesetze soziale Normen in Frage stellen; oder wenn darüber geschrieben wird, wie Jesu Lehren die Hierarchien zum sozialen Status und die Kultur der Ehre und Schande umdreht (z.B. Matthäus 18,4; Lukas 22,26; Johannes 4,7-30; 1. Petrus 4,12-16).

Mit ziemlicher Sicherheit werden wir diese aufschlussreichen Wahrheiten übersehen, wenn wir nur mit den Erwartungen unserer eigenen, modernen Kultur lesen.

Fazit

Die biblischen Autoren waren antike Hirten, Bauern und Fischer (und andere), und sie sprachen eine andere Sprache aus einer anderen Welt. Moderne Übersetzungen sollen uns dorthin zurückbringen, wo alles begann. Aber auch wenn wir „zurückgehen“, um zu sehen und zu hören, haben wir immer noch unsere kulturellen blinden Flecken. Und das ist in Ordnung.

Wir müssen sie nur ehrlich und demütig zur Kenntnis nehmen, denn das hilft uns, die überraschende Art und Weise zu schätzen, in der Gott alle unsere Kulturen – moderne und alte – liebt und heilt, während er sein Reich auf die Erde bringt.

Im Original von Cheree Hayes & BibleProject Team
Übersetzung von Julia Pfeifer

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